Ringvorlesung

Aufbrüche. Themen und Theorien der Zeitgeschichte im 21. Jahrhundert

Ort: Hörsaal C, Universität Hamburg, Hauptgebäude, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg

Zeitgeschichte als die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts ist eine lebendige Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Ihre Themen stehen zudem als „Vorgeschichte der Gegenwart“ im Blickpunkt von Medien und Öffentlichkeit. Die Vorträge der Reihe bringen Expertinnen und Experten des Faches nach Hamburg, die einen Einblick in ihre jeweiligen aktuellen Forschungsfelder geben und grundlegende konzeptionelle Überlegungen zur Diskussion stellen. Alle Beiträge orientieren sich an der Leitfrage, vor welchen inhaltlichen und methodischen Chancen und Herausforderungen die Zeitgeschichtsschreibung in den kommenden Jahren stehen wird.

Der Vortrag von Sybille Steinbacher am 7.7. fällt leider aus!

Die Aufzeichnungen der Vorträge können Sie hier sehen.

Donnerstag, 21.4.2022, 18.15 Uhr
Thomas Großbölting (Hamburg): Hinterm Horizont geht‘s weiter!? Perspektiven der Zeitgeschichte im 21. Jahrhundert
Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.
 
Ist unsere Gesellschaft so polarisiert, dass unsere Demokratie Schaden nimmt? Rechtfertigt eine historische Großrusslandvision einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg? War oder ist Corona eine „Zeitenwende“ – oder tritt diese doch erst mit dem Ende der außen- und militärpolitischen Zurückhaltung des regierenden Kabinetts ein? Zu all diesen und vielen weiteren Fragen hat Zeitgeschichte etwas zu sagen – und tut dieses auch: Historikerinnen und Historiker treten in den verschiedensten Zusammenhängen auf und reden dazu (gefragt oder ungefragt). Sie leiten aus der Vergangenheit her, vergleichen das Heute mit dem Gestern und geben sogar – obwohl dazu professionell eigentlich nicht gut ausgestattet – den einen oder anderen Ausblick in die Zukunft. Nicht nur die Regale der großen Buchhandelsketten, sondern auch Medienpräsenz und Einschaltquoten zeugen davon: die Zeitgeschichte ist ein starkes Fach!
Dieser ‚Erfolg‘ verdeckt gelegentlich, dass das Fach selbst vor wichtigen Grundsatzfragen steht: Welche Themen soll und kann Zeitgeschichte untersuchen, wenn sie sich nicht mehr allein postkatastrophisch, also an den Weltkriegen, der NS-Diktatur und dem Holocaust orientiert? Wie kann sie sich zeitlich und räumlich positionieren, wenn der Quellenzugriff nicht mehr von Archivsperrfristen und die Themen nicht mehr von nationalen Grenzen geprägt sind?
Die wissenschaftliche Profildebatte spitzt sich in einem methodischen Punkt besonders zu: Was können Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker in ihren Analysen der Vergangenheit eigentlich „besser“ als die vielen anderen an der jüngsten Vergangenheit Interessierten wie Journalist:innen, Schriftsteller:innen, Künstler:innen oder auch Politiker:innen? Was setzt das Fach in Zeiten von fake news und fake history denjenigen entgegen, die den Bezug auf die Vergangenheit vor allem als krude politischen Instrumentalisierung betreiben?
Der Vortrag nimmt den Jahrestag der FZH – vor 25 Jahren wurde mit der Stiftung Forschungsstelle für Zeitgeschichte einer der „Player“ der Zeitgeschichtsforschung in Deutschland gegründet – zum Anlass, um diese Fragen zu entwickeln, erste Antworten zu geben und auf diese Weise den Horizont zu skizzieren, die in den folgenden Wochen dann namhafte Referentinnen und Referenten jeweils für ihre Segmente weiter skizzieren.
 
Donnerstag, 28.4.2022, 18.15 Uhr
Dietmar Süß (Augsburg): Auferstanden aus Ruinen? Neue Perspektiven der Sozialgeschichte
Moderation: Knud Andresen (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.
 
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Oliver Pocher und der "Krise" der Sozialgeschichte? Darum und um die künftige Bedeutung der Sozialgeschichte für die Zeitgeschichte im 21. Jahrhundert soll es im Vortrag gehen. In den Blick kommt die Etablierung einer besonders lebendigen, besonders selbstbewussten, vielfach auch besonders männlich dominierten Tradition innerhalb der Geschichtswissenschaft. Über Sozialgeschichte insbesondere in Deutschland nachzudenken, heißt auch: Über ein generationelles Projekt und über die inneren die Wandlungsprozesse der Bundesrepublik im Zeichen des Kalten Krieges zu sprechen, deren Fluchtpunkt immer auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bildete. Der Vortrag lässt die unterschiedlichen Etappen sozialhistorischer Forschung Revue passieren und fragt nach möglichen Impulsen für künftige Forschungen. Zwei Begriffe werden dabei eine besondere Rolle spielen: Soziale Ungleichheit und Vulnerabilität.
 
Donnerstag, 5.5.2022, 18.15 Uhr
Kirsten Heinsohn (Hamburg): Kalter Kaffee oder Hot Stuff? Geschlechtergeschichte im 21. Jahrhundert
Moderation: Thomas Großbölting (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.
 
Als sich Historikerinnen zu Beginn der 1980er Jahre zu frauenhistorischen Themen unter sich treffen wollten, regte das den einen oder anderen männlichen Kollegen noch auf. Heutzutage gilt die Frauengeschichte als etabliert, aber irgendwie auch langweilig. Stattdessen wird über queere Zugänge in der Zeitgeschichte diskutiert und die Verschränkung von Geschlecht mit anderen innergesellschaftlichen Differenzlinien in den Vordergrund gestellt. Ist also Frauengeschichte out und Intersektionalität die moderne Alternative des 21. Jahrhunderts? Welche Fragen und welche Ergebnisse der Frauen- und Geschlechtergeschichte haben die bundesdeutsche Zeitgeschichtsschreibung beeinflusst? Diese Fragen stehen im Vordergrund des Vortrages, der aber auch erklären wird, was Geschlechtergeschichte eigentlich ist und wie diese heute wirkt: Kalter Kaffee oder Hot Stuff?
 
Donnerstag, 19.5.2022, 18.15 Uhr
Christoph Cornelißen (Frankfurt am Main): Herausforderungen an eine Europäische Zeitgeschichte
Moderation: Thomas Großbölting (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.

Die Zeitgeschichtsforschung wird bis heute in vielen Ländern von nationalen Perspektiven angeleitet. Ablesbar ist dies unter anderem an unterschiedlichen temporalen und räumlichen Konzepten, aber auch den Gegensätzen bei der thematischen Schwerpunktbildung. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Forderung, transnationale Geschichte zu schreiben als eine entscheidende Herausforderung der europäischen Zeitgeschichte. Der Vortrag wird zunächst einen Einblick in die Entwicklung der Zeitgeschichtsforschung in Europa bieten und im Anschluss daran die theoretischen und methodischen Herausforderungen der Konzepte einer transnationalen Geschichte sowie von Trends zur Europäisierung diskutieren. Zuletzt soll gezeigt werden, wie sich heute die Großerzählungen zur Geschichte Europas wandeln. Sie werden inzwischen offener konzipiert, als es die Rede vom „kurzen 20. Jahrhundert“ ausdrückt. Tatsächlich scheint die Geschichte des 20. Jahrhunderts bislang sogar „endlos“ weiterzugehen.
 
Donnerstag, 2.6.2022, 18.15 Uhr
Clemens Zimmermann (Saarbrücken): Die Stadt neu denken: Perspektiven zeithistorischer Stadt- und Regionalforschung
Moderation: Christoph Strupp (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.
 
Der Vortrag wendet sich zunächst dem Wechselverhältnis von (historischer) Stadtforschung und der Zeitgeschichtsforschung zu. Es werden thematische sowie methodische Konvergenzbewegungen diskutiert, die im Kontext von je besonderen Forschungsinstitutionen zu sehen sind. Allerdings weisen beide Disziplinen weiterhin eigene temporale und räumliche Horizonte auf. Generell führte die massiv angestiegene Zahl von spezialisierten Fallstudien zu Verlusten an Übersichtlichkeit und Transparenz, auch angesichts des Mangels an komparativen Studien. Ebenso transnationale Ansätze sind rar, allerdings gibt es wichtige Arbeiten zum deutsch-deutschen Systemvergleich.
In einem zweiten Schritt werden exemplarisch Themen und Forschungsansätze näher beleuchtet, bei denen die Wechselbezüge von Stadt- und Zeitgeschichte fruchtbar und mit Zukunftspotenzial herausgearbeitet wurden. Hier sind Studien zu sozialer Ungleichheit und Konflikten in Städten sowie zur Wahrnehmung von Polarisierungsprozessen anzuführen. Zeithistorische Stadtforschung über die Entwicklung städtischer Mobilitätsregimes hat ebenfalls eine besondere Relevanz. Ferner intensiviert sich derzeit das Interesse an den Entwicklungspotenzialen von Stadt- und Landregionen.
 
Donnerstag, 9.6.2022, 18.15 Uhr
Annette Weinke (Jena / München): Mission Accomplished? Behörden- und Auftragsforschung zwischen Aufarbeitung, (postheroischer) Zeitgeschichte und Public History
Moderation: Christoph Strupp (Hamburg)
 
Die Aufzeichnung des Vortrags kann hier angeschaut werden.

Auch wenn derzeit noch offen ist, wie künftige Generationen von Historiker:innen die Behörden- und Auftragsforschung beurteilen werden, dürfte eines schon feststehen: Der Forschungsboom der zurückliegenden Jahrzehnte war auch dem Umstand geschuldet, dass er sich zu einem Zeitpunkt entwickelte, als sich die Zeitgeschichte der Bundesrepublik in einer Übergangsphase von verstärkter Selbstvergewisserung und Neuorientierung befand. Angesichts sich verdichtender Anzeichen, dass sich die konsensuale Geschichts-Governance im Zeichen der ‚Aufarbeitung‘ ihrem Ende zuneigt, will der Vortrag zum einen auf strukturelle Voraussetzungen der Forschungskonjunktur eingehen und zum anderen nach möglichen Entwicklungspotentialen der Kommissionsforschung an der Grenze zwischen (postheroischer) Zeitgeschichte und Public History fragen.

Donnerstag, 23.6.2022, 18.15 Uhr
Irmgard Zündorf (Potsdam): Public History in den Medien: Akteure, Themen, Formate
Moderation: Knud Andresen (Hamburg)
 
Der Begriff „Public History“ bezeichnet sowohl historische Darstellungen, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten, als auch eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die sich der Erforschung der öffentlichen Präsentation von Geschichte widmet. Die Präsentationsformate und die Beteiligung der Öffentlichkeit daran haben sich in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Noch gibt es zwar auch klassische Museumsausstellungen oder Fernsehdokumentationen, die von Fachleuten produziert und von Besucher:innen/Zuschauer:innen konsumiert werden, aber die individualisierte Medienlandschaft greift deren Vorrangstellung an. „Nutzer:innen“ sind mittlerweile aufgerufen, sich selbst an der Konzeption und/oder Weiterentwicklung von Geschichtspräsentationen zu beteiligen oder gar eigene Formate zu produzieren. Die Sozialen Medien bieten dafür ein ungemein großes Experimentierfeld, aber auch analoge Ausstellungsformate versuchen sich bei der Einbindung der Öffentlichkeit neu aufzustellen. Das Experimentierfeld produziert aber nicht nur neue Darstellungen, sondern ist auch ein wachsendes Forschungsfeld der Public History: Welches Gewicht haben „Public“ und „History“ in der sich verändernden “Geschichte für die Öffentlichkeit“? Welche Folgen hat dieser Wandel für die Präsentationen sowie die beteiligten Akteure und inwiefern verschiebt er die Deutungshoheit über Geschichte?
 
Donnerstag, 30.6.2022, 18.15 Uhr
Bettina Severin-Barboutie (Gießen): „Move“: Migration als globale Herausforderung für die Zeitgeschichte
Moderation: Christoph Strupp (Hamburg)
 
Migration gehört unzweifelhaft zu den brennenden Fragen von Gegenwart und Zu­kunft und fordert ebenfalls die Zeitgeschichte beträchtlich heraus. Das gilt nicht nur für die Kategorien, mit denen diese Migration erforscht, sondern ebenfalls für ihren Umgang mit bzw. ihre Deutung von menschlicher Bewegung insgesamt. Ausgehend von dem unlängst erschienenen, nicht unumstrittenen Buch des Publizisten und Politikwissenschaftlers Parag Khanna „Move: The Forces Uprooting Us and Shaping Humanity's Destiny: How Mass Migration Will Reshape the World – and What It Means for You“ werden diese Herausforderungen in dem Vortrag diskutiert und Überlegungen angestellt, wie sich die Zeitgeschichte ihnen stellen könnte.
 
Donnerstag, 7.7.2022, 18.15 Uhr
Sybille Steinbacher (Frankfurt am Main): Holocaust: Ein „Verbrechen ohne Namen“. Vom Drang zum Vergleich
Moderation: Yvonne Robel (Hamburg)

Der Vortrag von Sybille Steinbacher am 7.7. fällt leider aus.

 

Zurück