Medien-Intellektuelle. Intellektuelle Positionen und mediale Netzwerke in der Bundesrepublik (1949-1990)

 
Bearbeitung: Prof. Dr. Axel Schildt
 
Forschungsfeld: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte
 
Ausgangspunkt des Projekts ist die Hypothese, dass sich in den westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Typus von Intellektuellen etablierte, der eng mit der fortschreitenden Medialisierung verbunden war und sich im medialen Ensemble mehr oder weniger virtuos bewegte, um seine Positionen – in der doppelten Bedeutung inhaltlicher Stellungnahmen wie des sozialen Status – zu befördern. Eine Zeitgeschichte der Intellektuellen der Bonner Republik lässt sich somit im Schnittpunkt von Intellektuellen- und Mediengeschichte ansiedeln.
 
Im Zentrum stehen die Strategien von Intellektuellen, ihre Positionen in der westdeutschen Öffentlichkeit wirksam zu vertreten. Dabei geht es nicht nur um Inhalte, die sich aus zeitgenössischen Texten destillieren lassen. Vielmehr werden mit dem Blick auf die Akteure biografische Erfahrungen, aber auch wirtschaftliche und politische Interessen sowie Machtverhältnisse in der Bundesrepublik einbezogen, die wiederum die Ideengeschichte erst verständlich werden lassen.
 
In den Gründerjahren der Bundesrepublik dominierten im intellektuellen Medienbetrieb personale Netzwerke der Zwischenkriegszeit. Allerdings musste die gewohnte Semantik überprüft, korrigiert und an die Rahmenbedingungen des Kalten Krieges angepasst werden. Der neue Intellektuellen-Typus entwickelte sich parallel mit der Modernisierung der Gesellschaft im Wiederaufbau und war, von den Medien hervorgebracht, selbst wiederum ein wesentlicher Faktor für die Orientierung in einer neuen Kultur, die sich durch einen Meinungspluralismus auszeichnete, der neue mediale Vermittlungsstrategien erforderlich machte. Zudem wiesen die Konstellationen des Medienensembles wesentliche Neuerungen auf: die enorme Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen, die wichtige Rolle überregionaler Wochenzeitungen und die neuartige Scout-Funktion politisch-kultureller Zeitschriften. Es gab dabei nicht „die“ diskutierende und diskussionsbereite Gesellschaft, sondern viele, zum Teil strikt abgegrenzte diskursive Meinungslager mit nur wenigen Verbindungswegen und über die Lager hinweg einflussreichen Intellektuellen.
 
Zentrale Veränderungen des Meinungsklimas seit dem Ende des Wiederaufbaus vollzogen sich im Dreiecksverhältnis von gesellschaftlicher Pluralisierung, medialem Wandel und generationellem Wechsel. Neue politisch-kulturelle Zeitschriften entstanden, die Hierarchie der Buch-Verlage verschob sich (etwa durch edition suhrkamp und rororo aktuell), im Feld der Wochenzeitungen stieg die ZEIT zum liberalen Leitorgan auf, die Bedeutung des Rundfunks sank, ohne dass die Intellektuellen im Fernsehen eine ähnliche Rolle spielen konnten.
 
Berücksichtigt wird auch der Zusammenhang zur modernen Stadtgeschichte. So konzentrierten sich die intellektuellen Szenen in jenen Großstädten, in denen sich zugleich der Sitz öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten sowie die Redaktionen bedeutender Tages- und Wochenzeitungen, Buchverlage und Universitäten befanden. In der Nachfolge des einstigen geistigen Zentrums Berlin waren dies in der Bundesrepublik vor allem Frankfurt am Main, Hamburg und München.
 
Für das Projekt wurden ca. 90 Nachlässe sowie die Bestände von Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen, von Verlagen sowie Zusammenschlüssen von Intellektuellen in etwa zwei Dutzend Archiven gesichtet. Das Projekt wurde bis September 2013 gefördert im Rahmen der Förderinitiative PRO GEISTESWISSENSCHAFTEN/Opus magnum der VolkswagenStiftung und der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung. Das Vorhaben soll mit einer Monografie Ende 2015 abgeschlossen werden.
 
 

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