"Wahlen allein machen noch keine Demokratie"

Vortragsreihe
 
„Wahlen allein machen noch keine Demokratie“
Gespräche zur Geschichte der Bundesrepublik
 
Veranstaltungsort: FZH, Vortragsraum, Beim Schlump 83, 20144 Hamburg
Eintritt frei

1969 beschwor Willy Brandt in seiner Regierungserklärung die deutsche Gesellschaft „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, 2009 ermahnte der amerikanische Präsident in einer Rede vor ägyptischen Studierenden, dass „Wahlen allein […] noch keine Demokratie“ machen. Beide Politikern wollten daran erinnern, dass Demokratie ‚gemacht‘ werden muss - von Gruppen, von Einzelnen, von organisierten Verbänden, nur dann kann sie lebendig sein. Wie aber wird Demokratie zu einer politischen und gesellschaftlichen Praxis? Was und wer unterstützt die Demokratisierung, welche Hindernisse werden aufgebaut, wer wendet sich dagegen? Diesen Fragen soll in der Veranstaltungsreihe am Beispiel von Fallstudien zur bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte nachgegangen werden. Neben der Entwicklung der Gewerkschaftsjugend gestern und heute und den Auswirkungen der Friedensbewegung auf die demokratische Kultur der Bundesrepublik wird auch die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit thematisiert. Unsere Gäste stellen ihre Forschungen vor und vertiefen ihre Thesen in einem anschließenden Gespräch mit einem Diskutanten.

Donnerstag 3.11.2016, 18.30 Uhr
Gebremste Radikalisierung - die Gewerkschaftsjugend in den 1970er Jahren und heute
Knud Andresen (FZH) im Gespräch mit Katja Karger (Vorsitzende des DGB Hamburg) und Matti Riedlinger (IG Metall Jugend)
(Kooperation mit dem DGB Hamburg)
Veranstaltungsort: KLUB im Besenbinderhof, Besenbinderhof 62, 20097 Hamburg

Die Gewerkschaftsjugend erlebte nach 1968 eine Politisierung und Radikalisierung, von denen die 1970er Jahre als „Konfliktjahrzehnt“ gewerkschaftlicher Politik geprägt waren. Im allgemeinen Aufschwung der Gewerkschaften jener Zeit erlebten die Organisationen Konflikte und Spannungen zwischen den Generationen, aber auch eine hohe Integrationskraft der Gewerkschaften gegenüber politischer Unruhe in ihrer Jugend. Gleichzeitig änderte sich die Berufsausbildung, auch durch den Einfluss der Gewerkschaften. Zwar gelang keine grundlegende Reform einer integrierten Schul- und Berufsausbildung, aber Ziel der Ausbildung wurde die Vermittlung von Grundlagenkenntnissen und pädagogische Unterstützung statt reiner Disziplinierung und Unterordnung.

Haben diese Entwicklungen noch Auswirkungen und Bedeutungen für die heutige Gewerkschaftsarbeit? Was blieb von den Aufbrüchen, was hat sich gewandelt? Gibt es noch eine Art Generationskonflikt in den Gewerkschaften oder haben sich die Werte und Vorstellungen über die Generationen hinweg angepasst und entgrenzt? Knud Andresen hat die Jugend der IG Metall in den 1970er und 1980er Jahren untersucht und wird seine Forschungsergebnisse kurz präsentieren. Katja Karger und Matti Riedlinger werden im Anschluss über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gewerkschaften gestern und heute diskutieren.

Donnerstag, 10.11.2016, 18.30 Uhr
"Achtung, Achtung, hier sprechen die Massen – Schmidt und Apel sind entlassen"
Friedensbewegung und politischer Streit in der Bundesrepublik der 1980er Jahre
(Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg)

Der politische Streit gehört zur bundesdeutschen Demokratiegeschichte. So erschütterte in den frühen 1980er Jahren die Kontroverse um den NATO-Doppelbeschluss und die Nachrüstung die westdeutsche Gesellschaft. Zwei neu erschienene Bücher widmen sich den Debatten und dem markanten sozialen Phänomen „Friedensbewegung“. Claudia Kemper untersucht eine Ärzteorganisation, die sich 1980 gründete und zu einer wichtigen Teilgruppe der Bewegung wurde. Jan Hansen analysiert den innerparteilichen Konflikt in der deutschen Sozialdemokratie, die gespalten war zwischen der Politik ihres Kanzlers Helmut Schmidt und der Friedensbewegung. Beide Arbeiten zeigen zum einen, wie die sehr unterschiedlichen Gruppen und Motive der Friedensbewegung zusammenfanden, aber auch untereinander stritten. Zum anderen wird deutlich, wie sich im politischen Streit gesellschaftliche Grundkonflikte spiegeln: Wie lässt sich in unsicheren Zeiten eine sichere Zukunft gestalten? Wie können politische Entscheidungen getroffen werden, wenn sich die Meinungen fundamental gegenüberstehen? Der Konflikt um die atomare Rüstung und die Rolle der Bundesrepublik im Kalten Krieg bietet nicht nur weiterführende Erkenntnisse über die Bedingungen, unter denen Protest und Debatte in den 1980er Jahren stattfanden, sondern auch höchst anschauliche Einblicke in ein lebendiges Stück Zeitgeschichte.

Donnerstag, 24.11.2016, 18.30 Uhr
Schleswig-Holsteins düsteres Erbe. Kontinuitäten im Landtag nach 1945
Moderation: Kirsten Heinsohn (FZH)
(Kooperation mit dem IZRG)

Im Auftrag des Kieler Landtags hat das IZRG das Projekt „Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive“ durchgeführt. So sperrig der Titel, so drastisch die nun vorgelegten Ergebnisse: Ein Drittel aller vom Alter her infrage kommenden Landtagsabgeordneten von 1946 bis heute waren ehemals Mitglieder der NSDAP, bedeutend mehr als in Vergleichsländern wie Bremen oder Niedersachsen. Die Landesregierungen in Schleswig-Holstein waren bis in die 1970er Jahre mit bis zu drei Viertel ehemaligen „Parteigenossen“ noch stärker vorbelastet. – Zeichen für ein düsteres Erbe, aus dem sich neue Schlussfolgerungen für die Nachkriegsgeschichte Schleswig-Holsteins ziehen lassen ?

Projektleiter Uwe Danker wird berichten, wie die Forscher versuchten, mit neuer Methodik die tatsächliche Aktivität der insgesamt betrachteten 390 LandespolitikerInnen im Nationalsozialismus zu fassen und möglichst differenziert einzuordnen. Er wird außerdem danach fragen, ob und was derartige Erhebungen an neuen Erkenntnissen für die Zeit nach 1945 liefern – und was sie eben nicht leisten können.

Donnerstag, 1.12.2016, 18.30 Uhr
„Nationale Opposition“ in der demokratischen Gesellschaft. Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis heute
Moderation: Kirsten Heinsohn (FZH)
(Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Staat und Gesellschaft in Deutschland haben sich seit Gründung der Bundesrepublik nach und nach demokratisiert, pluralisiert und zivilisiert. Doch darf die „nationale Opposition“, die Fundamentalopposition von rechts, nicht als Fremdkörper in dieser Gesellschaft betrachtet, sondern muss als eines ihrer charakteristischen Elemente begriffen werden. Periodisch wiederkehrende rechtsextreme Mobilisierungen – wie die Hakenkreuzschmierwelle 1959/60, die Wahlerfolge der NPD in den 1960ern oder das Münchner Oktoberfestattentat 1980 – haben das Problem der Verankerung demokratischen Bewusstseins und der Stabilität der demokratischen Verfassung wiederholt auf die politische Tagesordnung gesetzt. Die Ausgrenzung rechtsextremer Positionen markierte deutlich den Spielraum dessen, was sich in die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland integrieren ließ. Der Vortrag gibt eine Übersicht über die Entwicklung des „nationalen Lagers“ und fragt nach den Ursachen für dessen erstaunliches Beharrungsvermögen.

 

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