Vortragsreihe
(5. November 2009 bis 29. Januar
2010)
Vom Ende zum Anfang. Juden in Deutschland nach 1945.
Gemeinsame Vortragsreihe
der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)
und des Instituts für die Geschichte der deutschen
Juden (IGDJ)
Lange war die
Vorstellung präsent, dass die Geschichte der Juden in Deutschland
nach 1933 auf grausame Weise an ein Ende gelangt sei. Die Zeit
nach 1945 wurde nur als ein Epilog, nicht aber als ein wirklicher
Neuanfang oder gar als eine Fortsetzung jüdischer Existenz
in Deutschland angesehen. Juden und Jüdinnen, die sich bewusst
für ein Leben in der DDR entschieden, taten dies aus politischen
Gründen, weil sie ihren Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen
Gesellschaft leisten wollten. Die meisten der in der Bundesrepublik
ansässigen Juden glaubten zunächst nicht an eine Zukunft
im Land der Mörder'. Das Gefühl, fremd
im eigenen Land' zu sein, und die Vorstellung, ihr Aufenthalt
sei nur vorübergehend,
verbanden sie mit einer zionistisch geprägten Orientierung
nach Israel. Eine positive Identifikation mit der Bundesrepublik
entwickelte dann erst die nachfolgende Generation, die sich seit
den 1980er Jahren immer ausdrücklicher von der Vorstellung
verabschiedete, auf gepackten Koffern zu sitzen. Für eine
wachsende Zahl Juden ist Deutschland inzwischen nicht mehr nur
ein Ort des Verweilens, sondern Heimat.
Die Vortragsreihe
thematisiert diese Nachkriegsgeschichte aus unterschiedlichen
Blickwinkeln. Neben dem Umgang mit Entschädigungsfragen
in der DDR und der BRD kommen auch Entwicklungen in der jüdischen
Gemeinschaft, das christlich-jüdische Miteinander sowie
die jüngste Vergangenheit zur Sprache, in der die jüdischen
Gemeinden vor der Herausforderung stehen, die Zuwanderer aus
der ehemaligen Sowjetunion zu integrieren.
Ort:
FZH, IGDJ
Beim Schlump 83
20144 Hamburg
Raum 2/023, 2. Etage
Eintritt ist frei.
Die Vorträge
Donnerstag,
05. November 2009 / 18.30 Uhr
Das jüdische
Eigentum in den beiden Teilen Deutschlands und die Verhandlung
der NS-Vergangenheit.
Jürgen Lillteicher:
Rückerstattung West
Der politische
und insbesondere der wirtschaftliche Neuanfang in Nachkriegswestdeutschland
war ohne die Klärung der Eigentumsverhältnisse nicht
möglich. Die Bereicherung des nationalsozialistischen Staates
und vieler "Volksgenossen" an jüdischem Besitz
hinterließ Eigentumstitel, die insbesondere die amerikanische
Besatzungsmacht auf den Prüfstand gestellt wissen wollte.
Der Erlass entsprechender Gesetze und die Verhandlung eines jeden
Einzelfalls vor deutschen Gerichten führte zu heftigen Auseinandersetzungen
über die Partizipation und Mitverantwortung von Privatpersonen
am nationalsozialistischen Unrecht. Der Vortrag wird die Grundzüge
dieser Debatten aufzeigen und in die Vergangenheitspolitik der
frühen Bundesrepublik einordnen.
Philipp Spannuth:
Rückerstattung Ost
Wie ging die SBZ/DDR nach dem Krieg mit den während des
Nationalsozialismus "arisierten" und enteigneten Vermögenswerten
um und wie reagierte sie auf die Ansprüche nach Rückgabe?
Warum gab es bis 1989 keine Rückgaben von Häusern,
Grundstücken oder sonstigen Werten an die jüdischen
Eigentümer oder deren Erben? Wie wurde dies heikle Thema
nach dem Mauerfall im wiedervereinigten Deutschland aufgegriffen
und welche Konsequenzen erwuchsen daraus? Philipp Spannuth wird
in seinem Vortrag dem Thema der Restitutionsansprüche von
NS-Verfolgten und deren Erben auf dem Gebiet der ehemaligen DDR
nachgehen. Der Vortrag beleuchtet sowohl die Zeit der SBZ bzw.
DDR bis 1989 als auch die Phase seit der Wiedervereinigung nach
1989/90.
Dr. Philipp Spannuth, geboren 1968 in Anderlecht, studierte Geschichtswissenschaften
und Jura an den Universitäten Freiburg, Edinburgh und Hamburg.
Er promovierte 2001 bei Prof. Ulrich Herbert an der Universität
Freiburg mit einer Arbeit zum obigen Vortagsthema. Philipp Spannuth
arbeitete seit 1996 als Unternehmensberater bei der McKinsey&Company
und ist seit 2004 Geschäftsführer der Firma ADT Telefonservice
in Hamburg.
Donnerstag,
26. November 2009 / 18.30 Uhr
Anthony Kauders:
Die kleine Gemeinschaft und der große Zentralrat: Die
Funktionäre im jüdischen Leben der alten Bundesrepublik.
Nach dem Holocaust etablierte sich der Zentralrat als politische
Vertretung der Juden in Deutschland. Spätestens seit den
achtziger Jahren hat sich das Bild jedoch teilweise gewandelt:
Zwar spricht der Zentralrat offiziell weiterhin im Namen aller
Juden, doch können sich viele Mitglieder der Synagogengemeinden
inzwischen nicht mehr mit ihren Repräsentanten identifizieren.
Der Vortrag schildert diese Entwicklungen, um zugleich nach Antworten
auf die Frage zu suchen, wie es dem Zentralrat trotz der wachsenden
Widerstände von innen gelingen konnte, seinen Alleinvertretungsanspruch
zu bewahren.
Donnerstag,
03. Dezember 2009 / 18.30 Uhr
Birgitta Scherhans:
Jüdisch-christliche "Mischehen" in Deutschland
nach 1945
Über
50 % der Juden in Deutschland leben mit einem nichtjüdischen
Partner zusammen. Welche Rolle spielen Religion, Kultur und Wertesysteme
im familiären Alltag solcher Paare, welches Konfliktpotential
bergen Kindererziehung und Elternkontakte? Wirkt die spezifisch
deutsche Geschichte in besonderer Weise in diese Partnerschaften
hinein? Wie verhalten sich jüdische und christliche Gemeinden
zu diesen Verbindungen, wenn sie nicht säkular geführt
werden? Schwächt oder stärkt eine gemischte Partnerschaft
die jeweils eigene religiöse und/oder kulturelle Identität
oder finden sich gar neue Wege gemeinsamer Identifikation? Um
Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, führte
die Referentin Interviews mit gemischt konfessionellen Paaren
aus drei Generationen.
Donnerstag,
10. Dezember 2009 / 18.30 Uhr
Anne Franks
Tagebücher - eine Rezeptionsgeschichte
Monica Soeting:
Anne Frank nicht lesen' - Das Beispiel Niederlande.
Im Allgemeinen teilen die Niederländer ihre Landsleute
gern in gut' und ,böse' ein, also in die Widerständler
gegen die deutsche Besatzung 1940 bis 1945 einerseits und die
Kollaborateure andererseits. Dabei identifiziert sich jeder am
liebsten mit den Guten'.
Das Tagebuch der Anne Frank und das Anne Frank Haus in Amsterdam
spielen eine große Rolle für diese Identifikationen.
Sowohl Anne Frank selbst als auch ihr Tagebuch wurden zu abstrakten
Symbolen transformiert, die von den nicht jüdischen Niederländern
zur Identifikation mit den Opfern benutzt werden konnten. Diese
Funktionalisierung hat auch dazu geführt, dass das Tagebuch
in den Niederlanden kaum noch gelesen wird. Im Vortrag wird es
darum gehen, die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit in den
Niederlanden am Beispiel der Anne Frank Tagebücher exemplarisch
und kritisch zu betrachten.
Katja Heimsath:
Das Tagebuch in der bundesdeutschen Gesellschaft.
Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Frage nach der Rezeption
Anne Franks und ihres Werkes in der BRD seit der ersten Veröffentlichung
der deutschen Übersetzung im Jahre 1950 bis heute. Vor dem
Hintergrund des allgemeinen Umgangs mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit in der bundesdeutschen Gesellschaft sollen Rezeptionsmuster
und ihre maßgeblichen Faktoren erläutert werden. Zur
Sprache kommt die Aufnahme des Tagebuches in der deutsch-jüdischen
Bevölkerung, in der Jugend und auch bei Bürgern mit
rechtsradikaler politischer Orientierung.
Donnerstag,
14. Januar 2010 / 18.30 Uhr
Karen Körber:
Eine neue jüdische Gemeinschaft?
Die Einwanderung russischsprachiger Juden nach Deutschland seit
1990 und ihre Folgen für die jüdische Gemeinschaft
Die Migration russischsprachiger Juden nach Deutschland seit
Beginn der 1990er Jahre hat zu großen Veränderungen
in der jüdischen Gemeinschaft geführt. Im zweiten Jahrzehnt
der Einwanderung ist die anfängliche Euphorie einer wechselseitigen
Ernüchterung gewichen. Während mancherorts Distanz
und Resignation zwischen "Alteingesessenen" und "neu
Zugewanderten" überwiegen, lassen sich bisweilen auch
neue Formen des Miteinanders beobachten.
Karen Körber versucht auf der Grundlage einer vergleichenden
Gemeindeforschung sowohl zentrale Konflikte und Probleme dieses
Wandels zu benennen als auch Chancen und Perspektiven aufzuzeigen.
Sie fragt nach den verschiedenen Erwartungshaltungen und lotet
jene kollektiven Narrative und Identitätsmuster aus, die
den Aushandlungsprozessen innerhalb der jüdischen Minderheit
in Deutschland gegenwärtig zugrunde liegen.
Donnerstag,
28. Januar 2010 / 18.30 Uhr
Cilly Kugelmann:
Eine Generation bläst zum Angriff: Die Frankfurter "Jüdische
Gruppe" und das Selbstverständnis der jüdischen
Nachkriegsgesellschaft.
Aufgewachsen in Familien von Überlebenden der Konzentrationslager,
aus der Emigration zurückgekehrten, zufällig nach Frankfurt
a.M. gespülten Familien hat sich gegen Ende der 1970er Jahre
eine Gruppe von jüdischen Nachwuchswissenschaftlern und
Studierenden formiert, die den Zustand der jüdischen Gemeinden,
die Politik des Staates Israel und das Verhältnis zur deutschen
Umwelt zum Thema ihrer Diskussionen machte. Der Vortrag befasst
sich mit dieser Gruppe, die ein Jahrzehnt nach der Studentenbewegung
eine kritische Bestandsaufnahme begann und deren Herangehensweise
Modell für ähnliche Gruppendebatten in der deutschsprachigen
Welt Europas wurde.
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