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Lebensberater für Millionen.
Der Nachlass des Publizisten Walther von Hollander im FZH-Archiv

(Newsletter FZH, März 2021, Nr. 3)

Seit den späten 1920er Jahren verfasste Walther von Hollander zahlreiche Artikel zu Fragen der Lebens- und Eheführung in den Publikationen des Ullstein-Verlags. Im „Dritten Reich“ setzte er diese Tätigkeit fort. Nach dem Erscheinen der Ratgeberbücher Der Mensch über Vierzig (1937) und Das Leben zu Zweien. Ein Ehebuch (1940) wandten sich Leserinnen und Leser auch persönlich an ihn. Bis 1944 schrieb von Hollander, teilweise unter Pseudonym, diverse Unterhaltungsromane und Filmdrehbücher. Mitglied der NSDAP wurde er nicht. Nach 1945 setzte er sich mit seinen Beiträgen im NWDR und in verschiedenen Frauenzeitschriften für die Gleichberechtigung der Frau und eine Neuordnung der Geschlechterbeziehungen ein. Ab 1952 avancierte er mit der Radiosendung Was wollen Sie wissen: Fragen Sie Dr. Wal­ther von Hollander im NDR zum populärsten deutschen Lebens- und Eheberater. Große Verbreitung erreichte zudem die Ratgeberrubrik Fragen Sie Frau Irene, die er ab 1949 in der Rundfunk- und Familienzeitschrift Hör Zu inkognito führte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1973 schrieb Walther von Hollander Bücher und Artikel zur Lebens- und Eheführung und war ab den 1950er Jahren auch im Fernsehen präsent. Er war somit über mehr als vier Jahrzehnte Ansprechpartner für Menschen, die Orientierung und Hilfestellungen für persönliche Probleme suchten. Zugleich fungierte er als Multiplikator normativer Vorstellungen zum menschlichen Zusammenleben über politische Systemgrenzen hinweg.

Den Kontakt zu der Familie von Hollander nahm PD Dr. Lu Seegers 2015 im Rahmen ihrer Tätigkeit an der FZH auf. Dabei stellte sich heraus, dass sich auf dem Dachboden des Familiensitzes ein umfangreicher, bis dato ungesichteter Nachlass des Lebensberaters befand. Gemeinsam mit der damaligen Archivarin der FZH, Angelika Voss, gelang es Lu Seegers, den Nachlass zu sichern und in die FZH zu überführen. Der Bestand umfasst rund 18 laufende Meter und enthält Hollanders persönliche und berufliche Korrespondenz, Presseartikel, Romanentwürfe, Drehbücher, Sendemanuskripte, Fotos sowie zahlreiche Leser- und Hörerbriefe von den späten 1930er bis zu den frühen 1970er Jahren.

Der Nachlass stellt die Grundlage dar für ein biografisch und zugleich multiperspektivisch angelegtes Forschungsprojekt von Lu Seegers über Walther von Hollander. Es bietet sich erstens die Möglichkeit, Leben und Beruf eines Medienschaffenden aus dem Unterhaltungsbereich exemplarisch über mehrere Systemwechsel zu verfolgen. Insbesondere das anhand seines Nachlasses dokumentierte umfangreiche professionelle Netzwerk, in dem sich von Hollander im deutschsprachigen Raum bewegte, ist von Interesse.

Zweitens kann das Projekt einen Beitrag zur Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen und zur Funktionsweise des nationalsozialistischen Mediensystems im Unterhaltungsbereich im Besonderen leisten. So war etwa von Hollanders 1928 publiziertes Buch Schicksale gebündelt 1937 verboten worden. Das 1939 in der Berliner Illustrirten Zeitung vorab veröffentlichte Ehebuch Das Leben zu Zweien wurde 1940 nach einer ersten Auflage von 60.000 Exemplaren eingestampft. Im Nachlass befinden sich abschlägige Gutachten zu diesen Büchern etwa vom Deutschen Verlag, gegen die Walther von Hollander – auch aus finanziellen Erwägungen – mit systemkompatiblen Argumenten anging. Während des Zweiten Weltkriegs publizierte er zudem Artikel zu Ehe und Familie für Wehrmachtszeitungen im besetzten Europa, die dazu dienen sollten, die emotionale Situation der Soldaten zu befrieden. Im Nachlass sind entsprechende Korrespondenzen mit Frontzeitungen vorhanden. Für die Zeit nach 1945 kann untersucht werden, wie von Hollander sein Verhalten im „Dritten Reich“ retrospektiv deutete und inwieweit seine medial vermittelten Ratschläge Kontinuitäten zur Weimarer Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus aufwiesen.

Drittens stellt der Nachlass eine hervorragende Quelle für gendersensible, gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen dar. Die Leser- und Hörerbriefe im Nachlass und ihre Beantwortung durch Walther von Hollander liegen an der Schnittstelle zwischen individuellen, alltagsbezogenen Erfahrungen und subjektiven Wahrnehmungen von Ehe, Familie, Erziehung und Beruf sowie dem Wunsch nach Orientierung und Hilfestellung. Einerseits vermitteln die Briefe weitreichende Einblicke in persönliche Nöte und Sorgen und deren Selbsteinschätzung durch die Betroffenen. Andererseits verweisen die Antworten auf gesellschaftliche, ökonomische und politische Rahmensetzungen, mussten von Hollanders Ratschläge doch für die Adressatinnen und Adressaten anwendbar sein, um von ihnen akzeptiert zu werden. Außerdem gibt die Auswahl jener Leserbriefe, die von Hollander für Veröffentlichungen bearbeitete, Hinweise auf die gesellschaftliche Aushandlung von geschlechtsspezifischen und altersbezogenen Normvorstellungen im 20. Jahrhundert.

Anhand des Nachlasses lässt sich außerdem erkennen, wie sich Walther von Hollander mit Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland zum Thema Lebensberatung austauschte und inwiefern seine Ratschläge mit internationalen Entwicklungen korrespondierten.

(Text: Lu Seegers)

Tipp: „Die unzufriedene Frau“, TV Beitrag des SWR u.a. mit Walther von Hollander vom 7.2.1963, online abrufbar im Retro-Archiv der ARD Mediathek

Der Bestand Walter Funder (Newsletter FZH, November 2020, Nr. 1)

Das Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg ist seit der Gründung des Institutes langsam und stetig gewachsen. Unterlagen nichtstaatlicher Provenienz, die dem Kernauftrag, die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg zu erforschen, entsprachen, wurden seitdem gesammelt und geordnet. Aus der Sammlungsgruppe „Nachlässe“ wird der Bestand des Schriftstellers und Publizisten Walter Funder vorgestellt.

Walter Maria Funder wurde am 2. Februar 1893 in Krefeld geboren. Nach der Schulzeit zunächst Sanitäter bei der Marine, war er während des Ersten Weltkriegs in einer Nachrichtenabteilung eingesetzt. In der Weimarer Republik arbeitete er in Hamburg als Journalist, freier Pressemitarbeiter und war Herausgeber der Zeitschrift „Der Zeitungshändler“. An der Seite von Heinrich Laufenberg gab er 1927 die „Harpune. Monatsschrift für Kulturradikalismus“ heraus. Außerdem lektorierte er als Angestellter der Firma Jantzen & Saebeler eine Kunden- und Reklamezeitschrift. Als er wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Nationalismus in berufliche Schwierigkeiten geriet, half ihm diese Tätigkeit laut seiner Lebenspartnerin Gerda Rosenbrook-Wempe „unterzutauchen und halbwegs nazigesichert“ zu sein (M 36). Am 1. August 1943 wurde Walter Funder gemeinsam mit dem befreundeten und gleichsam regimekritischen Maler und Grafiker Hugo Meier-Thur verhaftet. Während Hugo Meier-Thur als „Schutzhäftling“ der Gestapo in Hamburg verstarb, wurde Walter Funder wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ am 5. Oktober 1944 vom Hanseatischen Oberlandesgericht zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Er durchlief das Konzentrationslager Fuhlsbüttel, verschiedene Untersuchungsgefängnisse und kam schließlich im Gefängnis Köstlin (Koszalin) in Haft, aus der er körperlich und psychisch versehrt im März 1945 entlassen wurde.

Nach dem Krieg setzte Funder alle Kräfte daran, das ihm und anderen Gleichgesinnten angetane Unrecht aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu bringen. Sich beruflich wieder zu etablieren, gelang ihm schwerlich. Walter Funder starb am 10. September 1960 als vorbestrafter Mann. Anlässlich der Trauerfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof charakterisierte der Physiker und Wissenschaftshistoriker Hans Schimank den Verstorbenen als einen geistreichen Menschen, der seinen Gesprächspartnern „angespannte Aufmerksamkeit“ abverlangte und sie zum Widerspruch herausforderte (M 21). Erst im Juli 2018 wurde das Urteil von 1944 durch die Staatsanwaltschaft Hamburg annulliert.

Im darauffolgenden Jahr setzte die Geschwister-Scholl-Stiftung auf ihrem Ehrenfeld für Verfolgte des NS-Regimes einen Gedenkstein für Hugo Meier-Thur und Walter Funder.

1997 übergab Gerda Rosenbrook-Wempe den von ihr geordneten Nachlass ihres früheren Gefährten dem Archiv der FZH. Dass es sich bei den mehrheitlich enthaltenen Unterlagen zum Hochverratsprozess nur um einen Teil des ursprünglichen Volumens handelte, geht aus einem Schreiben hervor, in welchem sie betont, „daß eine Reihe wichtiger Dokumente, die ich dem nationalsozialistischen Pflicht-Verteidiger, Herrn Justizrat Hercher in Berlin übergeben hatte […], bei einem Bomben-Angriff […] mit verbrannt sind.“ (M 01)

Trotz dieser Einschränkung bietet der Bestand einen facettenreichen Einblick in das Leben, Werk und Wirken Walter Funders. Etwa die Hälfte der erhaltenen Unterlagen betrifft den Hochverratsprozess seit August 1943, einschließlich der Vorgänge um Entschädigungsleistungen und Rentenansprüche bis zum Jahr 1960. Zu einzelnen in den Prozess involvierten Personen sind eigene Mappen angelegt. Beispielsweise dokumentieren die Materialien zu Willy Henke, dem Inhaber von Jantzen & Saebeler, sowohl die Repressionen Henkes durch die Gestapo, weil er Walter Funder in seinem Betrieb beschäftigte, als auch dessen Widerstandstätigkeit (wie das Drucken und Vervielfältigen von Flugblättern auf den Büromaschinen) sowie den Einsatz Funders für seinen ehemaligen Beschützer in Entnazifizierungs- und Wiedergutmachungsangelegenheiten seit 1946.

Private und juristische Korrespondenz, Rezensionen und Würdigungen von Walter Funder, Fotos und andere Dokumente zu dem Mediziner Alexander Freiherr von Seld oder dem Zoologen und Bakteriologen Günther Enderlein, die Funders Bekanntenkreis angehörten, sowie seinem Freund Hugo Meier-Thur sollen hier nur genannt werden.

Unter den literarischen und publizistischen Arbeiten Walter Fundes ist die 1913 in Brüssel erschienene Aphorismensammlung „Anticipando“ das früheste im Bestand überlieferte Werk. Aus der Zeit vor seiner Verhaftung sind neben einzeln publizierten Mitteilungen und Texten etliche Nummern der periodisch erschienenen Schriften „Der Zeitungshändler“ (1929 – 1933), „Der Hanseaten-Bote“ (1930 – 1941), „Das Tha-Ga-Blatt“ (1934 – 1939), aus den Nachkriegsjahren von den „Bemerkungen zur Zeit“ (1950 – 1954) und den „Alterstaler Diskussionen“ (1953 – 1960) vorhanden. Ein anschauliches Bild davon, wie intellektuelle Kreise den geistig-kulturellen Austausch wiederbelebten und pflegten, vermitteln die Einladungen und Programmblätter zu musikalischen und literarischen Nachmittagen, naturwissenschaftlichen Vorträgen, philosophischen Abenden oder Geburtstags- und Gedenkfeiern, zu denen Walter Funder häufig auftrat.

Der schriftliche Nachlass Walter Funders im Archiv der FZH umfasst zehn Archivkartons. Er wurde vor kurzem neu geordnet und verzeichnet. Sicher nicht frei von Widersprüchen steht er zur Benutzung und Auswertung bereit.

Literatur

Iris Pompesius, Ein Gedenkstein für Hugo Meier-Thur und Walter Funder – Verfolgte des NS-Regimes, in: Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 148, I, 2020, Februar 2020

Regina Deertz, Iris Pompesius und Brigitte Wempe, Gerda Rosenbrook-Wempe. Widerstandskämpferin, Archivarin, Privatlehrerin. http://www.garten-der-frauen.de/sonst.html

Hugo Meier-Thur, in: Smiatacz, Carmen: Stolpersteine in Hamburg-Barmbek und Hamburg-Uhlenhorst. Biographische Spurensuche, Hamburg 2010, S. 143 – 146.

Anmerkungen

Die Angaben in Klammern bezeichnen die Mappen im Bestand 11-F05_Funder, aus denen im Text zitiert wird.

Der Nachlass von Hugo Meier-Thur befindet sich im Staatsarchiv Hamburg, Signatur 622-1/396.