Newsletter

Der Ostdeutsche Kriegsalmanach 1916 (Newsletter der FZH, August 2021)

Literatur zum Ersten Weltkrieg ist in der Bibliothek der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg umfangreich vertreten. Als die Bibliothek aufgebaut wurde – ab den 1960er Jahren –, galt der Erste Weltkrieg noch als Zeitgeschichte. Auch heutige zeitgeschichtliche Deutungen des „kurzen zwanzigsten Jahrhunderts“ (Eric Hobsbawm) kommen nicht umhin, den Ersten Weltkrieg umfangreich in ihre Analysen einzubeziehen. Die Debatte um Christopher Clarkes Schlafwandler (2012, deutsche Übersetzung: 2013) vor einigen Jahren zeigt seine ungebrochene Aktualität.

Die Bibliothek der FZH bemüht sich nicht nur, alle grundlegenden neuen Forschungsansätze zum Ersten Weltkrieg in repräsentativer Auswahl zu sammeln. Sie verfügt auch über zeitgenössisches Material: Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Reden. Exemplarisch für die Fülle an Kriegsliteratur steht der Ostdeutsche Kriegsalmanach 1916, im Xenien Verlag vom Verleger Rudolf Herbert Kaemmerer herausgegeben. Es handelt sich um eine damals nicht eben seltene Sammlung von Essays, Erzählungen, Berichten und Gedichten – wobei sich der Almanach auf die damaligen Ostprovinzen fokussiert. Einige damals bekannte Schriftsteller und Intellektuelle sind vertreten: Carl Hauptmann (Gerhard Hauptmanns Bruder), Alfred Kerr, Carl Busse, Oscar Bie und Max Halbe. Auch die damals nicht ungewöhnliche Kriegslyrik eines Soldaten ist abgedruckt und im Inhaltsverzeichnis sogar hervorgehoben: Von Walter Heymann, „gefallen in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 1915 bei einem Sturmangriff vor Soissons“, finden sich drei Gedichte. Eines davon erklärt den sogenannten Heldentod für „sanft“.
Besonders interessant sind die wenigen Beiträge, die in einer solchen Publikation eher nicht zu erwarten sind. So findet sich darin ein kleines Kant-Zitat als Referenz an den Königsberger Philosophen, mitnichten hingegen slawenfeindliche Äußerungen Kants, die man etwa in der ‚Anthropologie‘ hätte finden können. Zitiert wird vielmehr Kants Absage an den totalen bzw. „Ausrottungskrieg“ aus seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“. Eine der Bildbeilagen stammt zudem von Käthe Kollwitz. Ihre Zeichnung zeigt zwei gramgebeugte Menschen – Frau und Mann –, die ein lebloses Kind, offenbar das eigene, tragen. Kollwitz‘ Sohn Peter war bereits im Herbst 1914 gefallen.
(Hartmut Finkeldey)

 

Excelsior - ein einzigartiges Exemplar (Newsletter der FZH, November 2020)

Der umfangreiche Bestand der Bibliothek der FZH umfasst neben Büchern und Zeitschriften auch historische Zeitungen. Darunter befindet sich das einzigartige Exemplar der „Excelsior“, die als erste Probenummer einer Tageszeitung für Hamburg 1947 von Axel Springer herausgegeben wurde. Als weltweit einzige Bibliothek verfügt die FZH über ein Exemplar.



Die Bibliothek der FZH verfügt derzeit (Oktober 2020) über ca. 100.000 Bücher und rund 60 laufende Zeitschriften sowie einen abgeschlossenen Bestand an Zeitungen. Dieser umfasst viele wertvolle ältere Zeitungen wie den Vorwärts (ab 1876), den Social-Demokrat (1874-1877), das Hamburg-Altonaer Volksblatt (1875-1878) oder das Hamburger Echo (1887-1933).

Ein ganz besonderes Exemplar aus dem Zeitungsbestand der Bibliothek ist die „Excelsior“, an deren Geschichte sich ihr Herausgeber Axel Springer wie folgt erinnerte: „Es war im Dezember 1947, als ich mit den ältesten Pionieren des Hauses im Bunker auf dem Heiligengeistfeld die erste Probenummer einer Tageszeitung entwickelte unter dem Arbeitstitel „Excelsior“. Sie war im Hinblick auf eine britische Lizenz konzipiert, aber als unabhängige Tageszeitung aus Hamburg. Doch daraus wurde nichts. Die Engländer hielten an ihrem Prinzip der an Parteien gebundenen Blätter fest und meinten auch, sechs Zeitungen in Hamburg seien genug.“ (Axel Springer: Neue Blicke auf den Verleger. Eine Edition aktueller Autorenbeiträge und eigener Texte. Berlin 2005, S. 243.)

Erst als im Mai 1948 die britische Militärregierung das Lizenzrecht an die Hamburger Behörden abgaben, konnte Axel Springer seine Idee verwirklichen. Er erhielt die Zulassung Nr. 1 des Senats der Hansestadt Hamburg und drei Monate später erschien zum ersten Mal das „Hamburger Abendblatt“.

Die „Excelsior“, von der einzig die Probenummer vom 2. Dezember 1947 existiert, ist nicht nur in Bezug auf die Pressepolitik der Nachkriegszeit sowie als Teil der Geschichte des Springer-Konzerns interessant. Als zeithistorische Quelle liefert sie spannende Einblicke in die Politik-, Kultur- und Alltagsgeschichte. So finden sich auf vier Seiten Meldungen zum Weltgeschehen, Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport, aber auch Reisereportagen, Kurzgeschichten sowie Stellenangebote und Familienanzeigen. Insbesondere die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind allgegenwärtig. Zu den Autoren zählen Walther von Hollander, der durch seine Ratgeber-Kolumne „Fragen Sie Frau Irene“ in der HÖRZU bekannt wurde, als auch der später international tätige Journalist und Korrespondent Peter von Zahn mit einem Reisebericht über die Hebriden. Anhand der amtlichen Bekanntmachungen wird zudem die auch zweieinhalb Jahre nach Kriegsende noch immer angespannte Versorgungslage deutlich: Zu Weihnachten bekamen die Hamburger ein Pfund Äpfel zugeteilt, dazu entweder ein Pfund Brot oder fettfreie Dauerbackwaren.

Wer einen Blick in die „Excelsior“ werfen möchte, ist als NutzerIn in der FZH-Bibliothek sehr willkommen. Als weltweit einzige Bibliothek findet sich hier ein Exemplar im Bestand. (Dorothee Mateika)


Literatur

Daniel A. Gossel, Die Hamburger Presse nach dem Zweiten Weltkrieg. Neuanfang unter britischer Besatzungsherrschaft, Hamburg 1993.

Bernd Allenstein / Volker Reißmann (Hrsg.), Presse in Hamburg. Von der Lizenzpresse bis zur Spiegelaffäre (1945-1962), Hamburg 2012.