Die Handelskammer Hamburg während der NS-Zeit

Bearbeitung: PD Dr. Claudia Kemper und Hannah Rentschler, M. A.
 
Forschungsfeld: Der Nationalsozialismus und seine ‚zweite Geschichte‘

Im September 2019 begann die Arbeit an dem Forschungsprojekt, das die Rolle der Handelskammer Hamburg und das Verhalten einzelner Funktionsträger in der Zeit 1933 bis 1945 erschließen und kritisch bewerten soll.
Ab 1933 war die Handelskammer wie alle unabhängigen, aber staatsnahen Körperschaften von der NS-Gleichschaltungspolitik betroffen. In der Folge stand sie im engen Austausch mit lokalen Behörden, mit der NS-Parteiorganisation und mit Ämtern und Ministerien auf Reichsebene.
Da die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik von Beginn an auf eine starke Verregelung und Zentralisierung setzte, entstanden zahlreiche Organe und Instanzen, die ökonomische und unternehmerische Bereiche kontrollierten und koordinierten. Gleichzeitig gab es ein erhebliches Konkurrenzverhalten zwischen den Gauen, zwischen unterschiedlichen Parteiebenen im Reich und zwischen den verschiedenen Behörden. Hinzu kam der stetig wachsende Einfluss der Wehrmacht auf die Rüstungs- und Wirtschaftspolitik. In dieser Gemengelage bewegte sich die Handelskammer Hamburg in ihrer Doppelrolle als Interessenverband der Wirtschaft und Instrument der NS-Wirtschaftspolitik. Trotz aller Restriktionen und Kontrollen standen ihr wie auch den einzelnen Unternehmern erhebliche Handlungsspielräume zur Verfügung.
An diesem Punkt setzt das Projekt an und stellt u.a. die Frage, wie Unternehmer als Mitglieder der Handelskammer ihre Handlungsspielräume nutzten. Wer profitierte in besonderer Weise von der NS-Politik? Wer unterstützte sie und wer zog sich von einer Zusammenarbeit mit dem Regime eher zurück? Wie nutzten die Mitglieder ihr Amt in der Handelskammer auf der einen Seite und die guten Kontakte zu NS-Behörden auf der anderen Seite, um die eigene Branche oder das eigene Unternehmen zu übervorteilen? Wer setzte sich in der Handelskammer in besonderer Weise für die NS-Politik ein und wer widersetzte sich oder wurde kaltgestellt?
Neben den biographischen Verläufen einzelner Funktionsträger zwischen 1933 und 1945 wird das Projekt auch die Rolle der Handelskammer Hamburg während der NS-Zeit reflektieren und einordnen. Aus diesen Zugängen werden eine Reihe neuer Erkenntnisse über die Geschichte der Handelskammer, die Stadt Hamburg und die NS-Geschichte gewonnen, sowie – das ist zu vermuten – zahlreiche weiterführende Fragen.

Das Projekt geht zurück auf den Wunsch des Plenums der Handelskammer nach einer weiterführenden Aufarbeitung der eigenen Geschichte. 2018 wurde das Stolpersteinprojekt der Handelskammer abgeschlossen, aus dem die Veröffentlichung „Gegen das Vergessen“ hervorging. Im Anschluss an dieses Projekt sollten dann auch jene Mandatsträger der Handelskammer in den Blick genommen werden, die direkt oder indirekt vom nationalsozialistischen Herrschaftssystem profitierten oder es unterstützt haben. Nach einem Beschluss des Plenums der Handelskammer Ende 2018 wurden die Forschungen dazu im September 2019 aufgenommen. Im Sommer 2020 beschloss das Plenum, das Projekt an die Forschungsstelle für Zeitgeschichte zu übergeben und bis Herbst 2021 eine Publikation erstellen zu lassen.
 

Zurück