Nichtstun. Zur Konstruktion gesellschaftlicher Ordnung seit den 1950er Jahren

Bearbeitung: Dr. Yvonne Robel

Forschungsfeld: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte

Das aktuelle Interesse an Praktiken des Nichtstuns boomt. Managerratgeber erklären uns, warum Nichtstun eine hohe Kunst ist. Internetseiten erläutern, wie Müßiggang geht. Bücher preisen die Vorzüge von Faulheit. Das 2015 gestartete Habilitationsprojekt nimmt diese Beobachtung zum Ausgangspunkt, um nach Kontinuitäten und Wandlungsprozessen in der öffentlichen Wahrnehmung von Muße, Müßiggang und Faulheit zwischen den 1950er und 2000er Jahren zu fragen. Gezeigt werden soll, dass sich Menschen im Sprechen über Phänomene des Nichtstuns nicht nur über ihr Verhältnis zu Arbeit und Zeit verständigen, sondern auch über Ideen vom menschlichen Zusammenleben, über Zukunftsvorstellungen, über Eigen- und Fremdzuschreibungen, Körperbilder sowie ihren Bezug zu Wohlstand und Konsum.

Das gegenwärtig gesteigerte Interesse an Praktiken des Nichtstuns wird in der Forschung oft, gleichsam nebenher, mit einem in den 1970er Jahren einsetzenden Wertewandel der Arbeit erklärt. Doch lässt sich im historischen Rückblick tatsächlich solch ein Bruch im gesellschaftlichen Umgang mit Muße, Müßiggang und Faulheit im Verhältnis zur Arbeit beobachten? Im Projekt wird von einem permanenten Wechselspiel aus – auf das Nichtstun bezogenen – Sehnsüchten, Ängsten und Selbstermächtigungen ausgegangen, dessen Referenzpunkte über die enge Fokussierung auf Arbeit weit hinausreichen. Diskutiert werden soll aus einer kultur- und diskursgeschichtlichen Perspektive insbesondere die Frage, wie sich diese Sehnsüchte, Ängste und Selbstermächtigungen zu dem oftmals für die 1970er Jahre konstatierten umfassenden gesellschaftlichen Wandel und zu einer Geschichte der bundesdeutschen Liberalisierung verhalten.  

 

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