30 Jahre Werkstatt der Erinnerung

1990 - 2020

FZH/WdE 234, FotografIn: unbekannt, o.O., o.D. [Moorburg? Späte 1920er Jahr?]
(Abb. FZH/WdE 234, Foto: unbekannt, o.O., o.D. [Moorburg? Späte 1920er Jahre?])

Wir feiern 2020 das dreißigjährige Bestehen der Werkstatt der Erinnerung mit zahlreichen Veranstaltungen, über die Sie sich auf dieser Seite informieren können und zu denen wir Sie herzlich einladen.

Vitrinen-Ausstellung

In unserem Bibliothektstrakt sind zurzeit in in einer Vitrinen-Ausstellung Aspekte der Arbeit der Werkstatt der Erinnerung zu sehen. Wir zeigen u.a. die für die Oral History notwendige, in den letzten 30 Jahren stark veränderte Technik und zahlreiche Publikationen, in denen Interviews aus der Werkstatt der Erinnerung ausgewertet oder verwendet wurden.

Podiumsgespräch

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Oral History
Podiumsgespräch mit Dorothee Wierling, Alexander von Plato und Linde Apel
 
27. Februar, 18.30 Uhr, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Lesesaal, Beim Schlump 83, 20144 Hamburg

Im Rahmen der Jahrestagung des Netzwerks Oral History laden wir zu einem öffentlichen Podiumsgespräch ein. Mit Dorothee Wierling und Alexander von Plato sitzen zwei der bekanntesten deutschen Oral Historians auf dem Podium, die über langjährige Erfahrungen mit Interviewprojekten zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Regimen und Ländern verfügen. Die Leiterin der Werkstatt der Erinnerung, Linde Apel, wird mit ihnen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Oral History diskutieren. Dabei wird es um die der Oral History zugeschriebenen demokratischen bzw. demokratisierenden Aspekte ebenso gehen wie um die Frage, welche Rolle mündliche Quellen heute in der Geschichtswissenschaft spielen. Denn Oral History wird häufig in den Zusammenhang einer Geschichte von unten gestellt, die den Anspruch vertritt, partizipativ zu sein und die Beforschten dazu zu befähigen, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Ob dies tatsächlich ein Anspruch oder nicht viel mehr eine Zuschreibung ist, soll ebenso diskutiert werden wie die Frage, ob gegenwärtig eigentlich gute Zeiten für Oral History sind? Schließlich gilt Oral History als besonders geeignet, sich im Rahmen der Zeitgeschichte mit Brüchen und Katastrophen und ihrer Verarbeitung durch Betroffene zu beschäftigen.

Netzwerk Oral History

Netzwerktreffen in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
27. und 28. Februar 2020
Veranstalter: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung

Das seit 2014 regelmäßig tagende Netzwerk Oral History trifft sich im Februar 2020 in Hamburg und ist bei der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg zu Gast. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums der Werkstatt der Erinnerung, des Interviewarchivs der Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

Dies soll zum Anlass genommen werden, einen großen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart bis zur Zukunft der Oral History zu schlagen. Die Beiträge widmen sich daher der Geschichte der Oral History und ihren politisch-demokratischen sowie wissenschaftlichen Ansprüchen. Fragen nach dem politischen Ursprung der Oral History, der Relevanz ihres Anspruchs, Interviewte zur Beschäftigung mit der eigenen Geschichte zu befähigen und damit Geschichte zu demokratisieren und die Relevanz dieser Ansprüche für Oral History heute, werden im Vordergrund mehrere Beiträge stehen. Es soll aber auch der Versuch gemacht werden, eine Bestandsaufnahme über Bedeutung der mit mündlichen Quellen in unterschiedlichen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Bereichen zu machen. Und nicht zuletzt wird es um die (digitale) Zukunft der Oral History gehen. Ein Round-Table-Gespräch wird gegenwärtige Tendenzen einer Oral History als Auftragsforschung diskutieren, die Vorstellung eines Dissertationsvorhabens kommt hinzu. Auch diesmal wird der Diskussion und dem Austausch viel Zeit eingeräumt. Damit sollen nicht zuletzt persönliche und institutionelle Vernetzungen ermöglicht und verstärkt werden.

Besonders hinweisen möchten wir auf den öffentlichen Teil des Netzwerktreffens, der am 27. Februar 2020 um 18.30 Uhr im Lesesaal der Forschungsstelle für Zeitgeschichte stattfinden wird. Dorothee Wierling und Alexander von Plato werden sich mit Linde Apel über ihre langjährigen Erfahrungen mit Interviewprojekten in verschiedenen deutschen Gesellschaften und über die Zukunftsperspektiven der Oral History unterhalten.

Interessierte sind herzlich eingeladen. Mit der Teilnahme am Workshop ist die grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit im Netzwerk verbunden. Interessierte wenden sich bitte bis zum 12. Februar 2020 an Stefan Müller (Stefan.Mueller@fes.de), Nachfragen beantwortet auch Linde Apel (apel@zeitgeschichte-hamburg.de).

Programm

Donnerstag, 27.2.
Ab 13 Uhr Anreise, Kaffee/Tee, Führungen durch die Werkstatt der Erinnerung
14 Uhr Linde Apel (Hamburg), Stefan Müller (Bonn): Begrüßung, Einführung, Vorstellung der Teilnehmenden
15:30 Uhr Linde Apel (Hamburg): Zur Werkstatt der Erinnerung. Geschichte von unten oder Geschichte von oben?
16:30 Uhr Nicole Immler (Utrecht), Eva Kovacs (Wien): Zum politischen Anspruch der Oral History
17 – 18 Uhr Pause

18.30 Uhr Dorothee Wierling (Berlin) und Alexander von Plato (Horneburg) im Gespräch mit Linde Apel (Hamburg) zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Oral History (Öffentliche Veranstaltung)

Freitag, 28.2.
10 Uhr Roundtable-Gespräch: Oral History zwischen politischem Impuls, Wissenschaft und Auftragsforschung Almut Leh (Hagen) im Gespräch mit Stefan Müller (Bonn); Ina Czub (Aabenraa); Andreas Keller (Stuttgart); Manfred Grieger (Gifhorn)
12 Uhr Lena Langensiepen (Hamburg): Lebensgeschichtliche Interviews mit Akteur/innen der Hamburger Geschichtswerkstätten-Bewegung
13 – 14 Uhr Pause
14 Uhr Almut Leh (Hagen),Cord Pagenstecher (Berlin): Schöne neue Welt: Oral History und KI
15 Uhr Absprachen/Planung des nächsten Treffens
16 Uhr Ende der Veranstaltung

Vortragsreihe
Erinnern, Erzählen, Geschichte schreiben. Oral History im 21. Jahrhundert.

Seit 1990 werden in der Werkstatt der Erinnerung Interviews mit Frauen und Männern aus dem norddeutschen Raum gesammelt, archiviert und für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt. Dazu gehören lebensgeschichtliche Interviews mit NS-Verfolgten, die zu den wertvollsten mündlichen Quellen der Sammlung gehören und intensiv nachgefragt werden.
In den letzten 30 Jahren hat sich der Umgang mit Interviews in der Geschichtswissenschaft verändert. Sie gelten heute als bedeutende Quellen für eine Erfahrungsgeschichte, die sich dafür interessiert, wie Menschen sich ihre Geschichte erklären. Mit der Vortragsreihe möchten wir diesen Wandel der Oral History diskutieren und ältere und jüngere Interviewsammlungen vorstellen, die sich mit der DDR-Geschichte, der Alltagsgeschichte und den Erinnerungen von Tätern und Profiteuren des Nationalsozialismus beschäftigen.

Alle Vorträge finden in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte statt.

Donnerstag, 14.5.2020, 18.30 Uhr
Linde Apel (FZH): Das Gedächtnis der Stadt? Mündliche Quellen in der Zeitgeschichte
Moderation: Kirsten Heinsohn (FZH)

Die Werkstatt der Erinnerung gehört zu den ältesten Oral History-Archiven der Bundesrepublik. Zu ihrem Gründungsauftrag gehörte es, „die unschätzbaren geschichtlichen Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen, vor allem an die Jahre 1933 bis 1945“ zu sammeln und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Einrichtung der Werkstatt der Erinnerung steht damit im direkten Zusammenhang mit geschichtspolitischen Debatten und Veränderungen in der Geschichtswissenschaft der 1980er Jahre. Der Vortrag wird auf die Diskussionen um den Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg ebenso eingehen wie auf neue methodische Zugriffe und inhaltliche Fragen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Dabei werden die Entwicklung und die inhaltliche Konzeption der Werkstatt der Erinnerung, aber auch Fragen danach, wie mündliche Quellen heute beurteilt werden, wozu sie gebraucht werden und welche Geschichte sich mit Hilfe von Interviews schreiben lässt, im Zentrum stehen.

Donnerstag, 28.5.2020, 18.30 Uhr
Patrick Wagner (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Die privatisierte Erfahrung. Ein Oral History Projekt in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Moderation: Yvonne Robel (FZH)

Das vorzustellende Projekt begann vor einigen Semestern mit einem Seminar zum Binnenleben von DDR-Betrieben an der Universität Halle. Zehn „Seniorenstudenten“ – darunter eine Krankenschwester, ein ehemaliger Kombinatsdirektor und ein Ingenieur – sollten und wollten Geschichtsstudierenden ihre Erfahrungen aus der Arbeitswelt der 1980er Jahre mitteilen. Aber einmal in Gang gekommen sprachen sie vor allem über die 1990er Jahre. Und selbst wenn sie über ihr Leben in der DDR räsonierten, bildeten die Jahre nach der „Wende“ stets den impliziten Bezugspunkt.

Ausgehend von dieser Beobachtung führt Patrick Wagner an der halleschen Universität regelmäßig Seminare durch, in denen Geschichtsstudierende die Methode Oral History kennenlernen und in Interviews mit Menschen aus dem südlichen Sachsen-Anhalt – dem „Chemiedreieck“ der DDR – einüben. So entsteht sukzessive ein Bestand von lebensgeschichtlichen Interviews mit Ostdeutschen der Jahrgänge 1940 bis 1955, der zum einen den Vergleich mit jenen Interviews erlaubt, die Dorothee Wierling, Lutz Niethammer und Alexander von Plato 1987 in der „Industrieprovinz“ der DDR mit Menschen aus deren Aufbau- und Aufstiegsgeneration geführt haben. Zum anderen können diese Interviews als Basis einer Erfahrungsgeschichte der Transformation dienen. Denn die Ausgangsbeobachtung hat sich bislang bestätigt: Was Ostdeutsche über die DDR oder die Gegenwart denken, speist sich aus ihren Erfahrungen der 1990er Jahre, als mit den ehemaligen Staatsbetrieben die „Vergesellschaftungskerne“ der nunmehrigen „neuen Länder“ zerbrachen und aus den vordem volkseigenen nun privatisierte Leben wurden. Was seitdem geschah – seien es Hartz-Reformen, globale Finanzkrisen oder reale bzw. vermeintliche Kontrollverluste angesichts von Migration –. wird von vielen Ostdeutschen durch die Filter dieser Erfahrungen gedeutet.

Donnerstag, 18.6.2020, 18.30 Uhr
Christiane Kuller und Patrice G. Poutrus (beide Universität Erfurt): Diktaturerfahrung und Familiengedächtnis: DDR-Zeitzeugen und Oral History
Moderation: Lena Langensiepen (FZH)

Das Bild von der DDR-Zeit beruht heute nur zum Teil auf kritisch-reflektiertem Wissen. Eine zentrale Rolle spielen auch lebensweltliche Erfahrungen, die im Familiengedächtnis tradiert werden und die den Mittelpunkt unseres Forschungsprojektes bilden. Thema des Vortrags sollen nicht nur die möglichen Inhalte der Familienerinnerungen, sondern auch die methodischen Herausforderungen des Projektes sein: Angesichts der Ablehnung vieler ZeitzeugInnen gegenüber wissenschaftlichen Forschungsergebnissen stellt sich die Frage, wie zusammengeführt werden kann, was von vielen ZeitzeugInnen vehement getrennt wird? Wie können (und sollen) sich Oral-Historians und InterviewpartnerInnen „auf Augenhöhe“ begegnen? Ausgehend von diesen Fragen stellen wir den Erfurter Ansatz einer „partizipativen Erinnerungsforschung“ vor: Was bedeutet Partizipation, die nicht nur ForscherInnen in die Alltagswelten von ZeitzeugInnen, sondern auch ZeitzeugInnen in die Forschungswelten von Oral-Historians bringt?

Donnerstag, 25.6.2020, 18.30 Uhr
Stefanie Rauch (Institute of Advanced Studies London): Die Grenzen der Oral History? Herausforderungen und Perspektiven der Arbeit zu NS-Täterschaft
Moderation: Linde Apel (FZH)

Die audio-visuellen Zeugnisse der NS-Verfolgten sind aus der Forschungs-, Gedenk-, und Bildungslandschaft mittlerweile kaum noch wegzudenken. Anders verhält es sich mit den Lebensgeschichten derjenigen, die sich im “Dritten Reich” auf der Seite der TäterInnen befanden. Mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören ist umstritten. Es gibt also vergleichsweise wenige Ton- und Videoaufnahmen. Davon sind längst nicht alle für die Forschung erschlossen. Wie gehen Institutionen und Forschende—InterviewerInnen und SekundärnutzerInnen—mit solchen Quellen um? Was können diese Aufnahmen zu unserem Verständnis der NS-Zeit beitragen, wo liegen ihre Grenzen? Verdienen sie gar einen Platz in der Bildungsarbeit? Und sind Geschichte und Diskurse des (Nicht-)Sammelns selbst Teil der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit? Dieser Vortrag wird diesen und weiteren Fragen nachgehen und erörtern, inwieweit und mit welchen Folgen die Oral History dieses Feld dem Journalismus und Dokumentarfilm überlassen hat.