Nichtstun. Zur Konstruktion gesellschaftlicher Ordnung im 20. Jahrhundert

Bearbeitung: Dr. Yvonne Robel

Forschungsfeld: Das lange 20. Jahrhundert

Das aktuelle Interesse an Praktiken des Nichtstuns boomt. Managerratgeber erklären uns, warum Nichtstun eine hohe Kunst ist. Internetseiten erläutern, wie Müßiggang geht. Bücher preisen die Vorzüge von Faulheit. Dieses gesteigerte Interesse wird in der Forschung oft – gleichsam nebenher – mit einem in den 1970er-Jahren einsetzenden Wertewandel der Arbeit erklärt. Doch lässt sich im historischen Rückblick tatsächlich solch ein Bruch im gesellschaftlichen Umgang mit Müßiggang, Faulheit oder ähnlichem im Verhältnis zur Arbeit beobachten? Und wie ließe sich dieser Bruch in eine Geschichte der öffentlichen Aufmerksamkeit für Praktiken des Nichtstuns im 20. Jahrhundert einbetten?

Phänomene des Nichtstuns fungierten auch in der weiter zurückliegenden Vergangenheit als vielfältige Projektionsfläche. Bereits 1880 schrieb Paul Lafargue dem „Recht auf Faulheit“ ein politisches Potential zu. In der Literatur repräsentierten Müßiggänger, Flaneure oder Bohemians das individuelle Anderssein fern der produktiven Leistungsgesellschaft. Im Alltag galten insbesondere Arbeitsscheu und Faulheit lange anhaltend als Normabweichung, Pflichtverweigerung und Problem.
Dieses Spannungsfeld lässt sich als eines zwischen Idealisierung, Normalisierung und Disziplinierung begreifen. Um der der wechselvollen Aufmerksamkeit für Phänomene des Nichtstuns nachzugehen, wird in dem 2015 gestarteten Forschungsprojekt zum einen gefragt, wie Begriffe von Nichtstun, Faulheit oder Muße, aber auch Arbeitsscheu, Gammlertum oder Müßiggang aufeinander bezogen waren, und inwiefern sich dieses Verhältnis im Laufe der Jahrzehnte wandelte. Zum anderen soll untersucht werden, welche Akteure wann über Phänomene des Nichtstuns sprachen und wer sie als wessen Aufgabenfeld definierte. Schließlich wird analysiert, welche Strategien und Praktiken jeweils damit verbunden waren, wenn Phänomene des Nichtstuns öffentlich diskutiert wurden. Dabei rückt das Kategorisieren, aber auch Beziffern des Nichtstuns ebenso in den Blick wie die Erziehung zum Tun, die Beratung zum richtigen Nichtstun oder die Stilisierung des Nichtstuns als Lebensstil. Der Wandel dieser Themenfelder wird von Diskursen um Arbeitsbelastung und Freizeit, Zeit und Geschwindigkeit, Gesundheit sowie Strafen, Erziehen und Heilen gerahmt.

Diskurse und Praktiken sind mehr als ausschließende Grenzziehungen, die auf bestehendes Wissen zurückgreifen. Vielmehr bringen sie stets auch normative Vorstellungen einer idealen gesellschaftlichen Verfasstheit zutage. Auf einer gesellschaftstheoretisch weiter gefassten Ebene lässt sich für das vorliegende Projekt somit diskutieren, welche Bezugspunkte im Spannungsfeld von Individuum und Gemeinschaft sowie von Privatheit und Öffentlichkeit im Sprechen über das Nichtstun ausgehandelt wurden.

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