Pop - ein neues Konzept für die Zeitgeschichte?

 
Vortragsreihe
 
Pop – Ein neues Konzept für die Zeitgeschichte?
Veranstaltungsort: FZH, Vortragsraum, Beim Schlump 83, 20144 Hamburg
Eintritt frei
 
Popgeschichte hat seit einigen Jahren Konjunktur in der Zeitgeschichte. Lässt sich die Geschichte der Bundesrepublik und der europäischen Industriegesellschaften besser verstehen, wenn popkulturelle Dimensionen berücksichtigt werden? Was kann unter einem Konzept „Popgeschichte“ überhaupt gefasst werden: alle Formen populärer Kultur- und Vergesellschaftungsformen, oder sind es historische Phasen, in denen sich in popkulturellen Produkten frühere Jugendkulturen über Generationen hinweg verankerten? Wie prägend sind popkulturelle Ereignisse und Identifikationsfiguren wie Konzerte und Stars für subjektive Deutungen und Selbsthistorisierungen? Ist im Medienzeitalter des 21. Jahrhunderts das Popkulturelle zur hegemonialen gesellschaftlichen Verständigungsform geworden? In sechs Vorträgen werden diesen Fragen an Fallbeispielen diskutiert, die Reichweite und Tragfähigkeit einer Popgeschichte erkundet und so die historischen Wurzeln der Gegenwart freigelegt.
 
 
Donnerstag, 29.10.2015, 18.30 Uhr
Bodo Mrozek (Potsdam): Von Lärmmaschinen und Geräuschathleten. Popgeschichte als Zeitgeschichte
 
Mitte des 20. Jahrhunderts lehnten konservative Kulturkritiker elektrisch verstärkte und nicht-europäische Musik, wie den Rock & Roll, vehement ab. Sie unterschieden dabei zwischen dem von ihnen favorisierten Takt und einem „wilden“ Rhythmus und damit zwischen einer zivilisatorischen und einer naturhaften Sphäre. Die Rhythmus-betonte Musik wurde durch rassistische Aufladungen exotisiert und sexualisiert. Auf diese Weise sollte die abendländische Musiktradition als überlegen erscheinen. Eine besondere Rolle spielten dabei Klangeigenschaften wie elektrische Verzerrung und die Zeitstruktur musikalischer Klänge. Vor diesem Hintergrund wurden Forderungen nach Verboten, Boykotten und Zensur laut – mit politischen, legislativen und polizeilichen Auswirkungen. Allein schon deswegen sollten Fragen von Klang und Rhythmik auch Historiker beschäftigen. Der Vortrag wird anhand ausgewählter Beispiele populärer Musik die Verschränkungen zwischen Politik und Musik herausarbeiten und Popgeschichte damit als ein relevantes Feld für die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts vorstellen.
 
Donnerstag, 12.11.2015, 18.30 Uhr
Kaspar Maase (Tübingen): Hoch-, Pop-, Massenkultur. Deutsche Kultur des 20. Jahrhunderts im Kaleidoskop
 
Hochkultur war nicht nur stets Minderheitenkultur – spätestens seit 1900 stand im Zentrum deutscher Kultur unverkennbar kommerziell Populäres und Unterhaltendes. Die ständig ausgebaute Dominanz dieses Sektors bestimmte die kulturellen Grundprozesse in allen deutschen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts. Allerdings unterschied die bürgerliche Öffentlichkeit stets zwei Varianten von Populärkultur; es gab legitime „gute Unterhaltung“ – und es gab eine verachtete und bekämpfte ‚Popkultur‘, die hieß abwechselnd Schund, Kitsch, Massenkultur, Unterschichtfernsehen. Die wichtigste Verschiebung im Verhältnis dieser drei Grundelemente ging von der anerkannten Populärkultur aus. In Gestalt der sich selbst so bezeichnenden „Pop“-Kultur macht sie seit den 1960ern der alten Hochkultur ernsthaft Konkurrenz. Pop fordert als Gegenmodell den alten Hochkultur-Kanon heraus, versteht sich zunehmend selbst als die Hoch- und Bildungskultur der Postmoderne und entwickelt teilweise elitäre Züge.
Im Schatten dieser glänzenden Popkultur fließt der Mainstream der Populärkultur dahin: Fernsehen, Youtube, Musikradio, Popcornkino u.ä. Der Mainstream liefert die Hauptmenge der alltäglich genutzten Massenkünste, und die bilden für die Mehrheit der Bürger die wichtigste Quelle ästhetischer Erfahrung. Wenn das so ist, dann scheint die Frage berechtigt, ob das auch die zeitgeschichtliche PopHistory so sieht und wie sie dem gegebenenfalls in der Forschung Rechnung trägt.
 
Donnerstag, 26.11.2015, 18.30 Uhr
Detlef Siegfried (Kopenhagen): Pop und Politik. Überlegungen zu einer komplexen Beziehung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
 
Der Vortrag diskutiert die Frage, inwieweit Popmusik eine politische Qualität haben kann. Es werden Überschneidungen von Pop und Politik untersucht, wie sie von staatlicher Seite und den Medien, mitunter auch von Rezipienten und Produzenten von Popkultur immer wieder unterstellt wurden. Dabei sollen „politische“ ebenso wie „nicht-“ oder „vorpolitische“ Aspekte des Pop herausgearbeitet werden. Im Einzelnen werden Instrumentalisierungen für politische Richtungen beleuchtet, die aus dem Charakter des Pop als Massenkultur (und seiner Spannung zu möglichem Avantgardismus) rühren: Popmusik als Signum für eine Liberalisierung, Amerikanisierung oder Westernisierung, als Artikulations- und Mobilisierungsmedium für links- und rechtsradikale Ideen und Aktivitäten. Hier kommen auch theoretische Traditionen in den Blick, wie sie etwa bei Bertolt Brecht, Walter Benjamin oder den Cultural Studies (Birmingham) gesehen wurden. Wie sind Zuschreibungen zu beurteilen, die Popmusik als rebellisch, kommerziell oder angepasst bewerten? Abschließend soll die Frage diskutiert werden, inwieweit „Popgeschichte“ für eine „neue Politikgeschichte“ nach dem cultural turn fruchtbar zu machen wäre.
 
Donnerstag, 10.12.2015, 18.30 Uhr
Uta G. Poiger (Boston): Mode, Schminke und Authentizität in den 1970er Jahren
 
Mode und Kosmetik sind mit internationalen ästhetischen und sozialen Bewegungen und dem internationalen Verkehr von Waren, Bildern und Ideen verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug Misstrauen gegenüber der Eugenik und die Kritik an der Konsumkultur dazu bei, dass körperliche Schönheit als suspekt angesehen wurde. Seit den 1960er Jahren haben Anhänger afroamerikanischer und feministischer Befreiungsbewegungen scharfe Kritik an Schönheitsnormen geübt. Dieser Vortrag analysiert Moden und Schminkpraktiken der 1970er Jahre, vor allem von Feministinnen und Punks als Zeichen sich verändernder Bewertungen von Selbst und Authentizität. Obwohl Mode und Kosmetik in vieler Hinsicht banal sind, können sie eine wichtige Rolle in Auseinandersetzungen über die Bedeutung von Individualität und Körperlichkeit, sowie über Geschlecht und Ethnizität spielen. Der Vortrag zeigt wie Hässlichkeit über die Punkmode zunächst in Großbritannien zu einer fundamentalen Gesellschaftskritik avancierte. Vor diesem Hintergrund nutzten westdeutsche Feministinnen den Punk, um gängige Geschlechterrollen aufzubrechen
 
Donnerstag, 14.1.2016, 18.30 Uhr
Alexa Geisthövel (Berlin): Damals haben wir gelebt. Popmemoiren in der Zeitgeschichte des Selbst
 
Auf dem Buchmarkt ist seit geraumer Zeit eine wahre Konjunktur von Popmemoiren zu verzeichnen. Im Fokus stehen nicht die Autobiografien bekannter Stars, sondern Erinnerungen von Protagonisten verschiedener Szenen, die von den Ereignissen, dem Personal, den Praktiken und dem „Lebensgefühl“ ihrer jeweiligen popkulturellen Epochen berichten. Der Bogen reicht von Punk Mitte der 1970er Jahre bis Techno um 1990.
Für Historikerinnen der Popkultur sind solche Quellen von großem Wert. Welche Schlüsse für die Zeitgeschichte des Selbst sind aus ihnen zu ziehen? Die Gründe, die eigene wilde Jugend im altehrwürdigen Medium Buch Revue passieren zu lassen, mögen vielfältig sein, doch ist ein wiederkehrendes Motiv dieser Form von Selbsthistorisierung das „gelebte Leben“: Ganz unterschiedliche Poperinnerungen verbindet die retrospektive Aussage, „damals“ besonders intensiv, frei, erfüllt gelebt zu haben. In der Forschung zur Selbstwahrnehmung gelten unmittelbare Lebendigkeit und Erlebnisfülle seit dem späten 18. Jahrhundert als Maßstab für ein gelungenes Leben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr diese Beziehung eine spezifische popkulturelle Ausprägung, deren Verhältnis zu zeitgenössischen Thesen wie dem „unternehmerischen“, dem „beratenen“ oder dem „präventiven Selbst“ diskutiert werden soll.
 
Donnerstag, 28.1.2016, 18.30 Uhr
Alexander Simmeth (Frankfurt/ Oder): „Krautrock“ in den 1970er Jahren. Experimentelle Musik und transnationale Wahrnehmungen
 
Ende der 1960er Jahre formierten sich an verschiedenen Orten der Bundesrepublik Projekte und Gruppen, die neuartige popmusikalische Ausdrucks- und Präsentationsformen entwickelten und damit erhebliche Aufmerksamkeit generierten. Ein Teil des „Krautrock“, wie diese experimentelle Popmusik retrospektiv genannt wird, wurde zeitgenössisch in den USA und in Großbritannien als erster genuiner und konstitutiver Beitrag wahrgenommen, der außerhalb der angloamerikanischen Sphäre entstanden war. Die transnationale Wahrnehmung des „Krautrock“ als konstitutive Säule der Popmusik und die ihm zugesprochene Wirkkraft sind zentrale Aspekte des Vortrags. Anhand einer quellenorientierten Auseinandersetzung mit einem konkreten Beispiel soll dabei die mögliche Tragweite der Popgeschichte als Konzept der Zeitgeschichte diskutiert werden. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich übergeordnete kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Wandlungsprozesse der 1970er Jahre in der Produktion, Distribution und Rezeption des Massenphänomens Popmusik im Allgemeinen und des Krautrock im Besonderen widerspiegeln.
Vor diesem Hintergrund werden einige Aspekte des Phänomens näher beleuchtet: Dazu gehören unter anderem Neuerungen der Instrumenten- und Studiotechnik sowie neue Aufnahmekonzepte, damit verbundene Diskurse um die „Authentizität“ bestimmter Gestaltungselemente, sich wandelnde Strukturmerkmale der Musikindustrie, die Rolle psychoaktiver Substanzen bei der Musikproduktion, die Abschleifung der überkommenen Bipolarität „hoher“ und „populärer“ Kulturen, bis hin zur Rezeptionsgeschichte des „Krautrock“ in Großbritannien und den USA, die in hohem Maße mit nationalen Stereotypen verbunden war.
 
Donnerstag, 11.2.2016, 20 Uhr
Pop – eine Geschichte der Entgrenzung?
Gespräch und Musik mit Thomas Meinecke
Diese Veranstaltung bildet den Abschluss der Vortragsreihe.

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