Vortragsreihe

(Um) Deutungen. Neueste Forschungen zur Zeitgeschichte

Veranstaltungsort: FZH, Vortragsraum, Beim Schlump 83, 20144 Hamburg
Eintritt frei

Geschichtsschreibung war und ist immer auch ein Streit um die Deutungshoheit von Ereignissen und Entwicklungen. Prominente Beispiele wären etwa die Französische Revolution, die russische Oktoberrevolution oder die deutsche Novemberrevolution, die im Laufe der Zeit – je nach „Zeitgeist“ – etliche Neubewertungen erfahren haben. Um (Um-) Deutungen historischer Prozesse geht es auch in den neuesten Forschungsergebnissen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, die in der Veranstaltungsreihe der FZH vorgestellt werden.
Zuerst wird in einer aktuellen Studie zur Konsumgeschichte diskutiert, wie es dazu kam, dass wir heute mit einer großen Menge an Dingen leben. Hat diese Entwicklung vielleicht den Lauf der Geschichte beeinflusst? Dann fragen wir, wie es möglich war, dass sich in Hamburg innerhalb von achtzig Jahren die vermeintlichen Antipoden: Hanseaten – Sozialdemokraten quasi zu einem Synonym wandelten. Anschließend steht eine frauenhistorische Arbeit zum Nationalsozialismus im Fokus, die untersucht, warum der Nationalsozialismus, auf zahlreiche Frauen derart anziehend wirkte, dass sie sich, ungeachtet ihres Alters oder ihrer sozialen Stellung, von anderen Parteien ab- und der NSDAP zuwandten. Und schließlich wird gefragt, was geschehen musste, damit das beträchtliche NSDAP- und Reichsvermögen nach 1945 zu einem materiellen Grundpfeiler der im Entstehen begriffenen Bundesrepublik werden konnte.   

Mittwoch, 11.10.2017, 18.30 Uhr
Frank Trentmann (London): Herrschaft der Dinge. Eine neue Geschichte des Konsums und ein Blick in die Zukunft
(in Zusammenarbeit mit der Verlagsgruppe Random House)
Moderation: Yvonne Robel

Was wir konsumieren, ist zu einem bestimmenden Aspekt des modernen Lebens geworden. Wir definieren uns über unseren Besitz, und der immer üppigere Lebensstil hat enorme Folgen für die Erde. Wie kam es dazu, dass wir heute mit einer derart großen Menge an Dingen leben, und wie hat das den Lauf der Geschichte verändert? Frank Trentmann erzählt in seinem Buch „Herrschaft der Dinge“ erstmals umfassend die faszinierende Geschichte des Konsums. Von der italienischen Renaissance bis hin zur globalisierten Wirtschaft der Gegenwart entwirft er eine weltumspannende Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, die eine Fülle von Wissen bietet, den Blick aber ebenso auf die Herausforderungen der Zukunft lenkt angesichts von Überfluss, Klimawandel und Turbokapitalismus. Im Vortrag werden konventionelle Sichtweisen von “shopping” hinterfragt und ein Blick auf die Rolle des Staates sowie der Zivilgesellschaft für den Aufstieg der Konsumenten und heutige Lebensweisen geworfen. Eine Geschichte des Konsums liefert einen anregenden Beitrag zu den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Debatten unserer Zeit.

Information zum Buch von Frank Trentmann:

Herrschaft der Dinge Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute

Donnerstag, 26.10.2017, 18.30 Uhr
Markus Tiedemann (Hamburg): "Gute Hanseaten - Sozialdemokraten". Zur Geschichte des Hanseatischen am Beispiel der Hamburger Sozialdemokratie
Moderation: Lu Seegers

Hanseaten“ und „hanseatische“ Eigenschaften sind im öffentlichen Diskurs der Stadt Hamburg allgegenwärtig. Als schmückendes Etikett wird es verwendet von und für Personen oder Unternehmen, die bestimmte als hanseatisch definierte Eigenschaften erfüllen (wollen) oder so ihre Verbundenheit mit der Stadt Hamburg zum Ausdruck bringen. Eine feste Übereinkunft darüber, was denn genau hanseatisch sei, besteht jedoch nicht. Dem steht eine bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gültige Deutung des Begriffs gegenüber, wonach sich der Kreis der Hanseaten lediglich auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite der Stadt beschränkte. Damit einher ging auch ein politischer Führungsanspruch dieser großbürgerlichen „Hanseaten“. Als die SPD bei den Bürgerschaftswahlen 1919 stärkste Kraft wurde, hielten viele die Arbeiterpartei für keine würdige Vertretung der Stadt. Unter dieser Prämisse erscheint es erstaunlich, dass sich der Begriff des Hanseatischen unter veränderten politischen Bedingungen halten konnte und mit Helmut Schmidt heute ein Sozialdemokrat für viele als Prototyp des Hanseaten gilt. Wie die Hamburger SPD an der Umdeutung des Begriffs während der Weimarer Republik und frühen Bundesrepublik beteiligt war und wie die Partei sich selbst eine hanseatische Identität aneignen konnte, ist das Thema des Vortrags. Dabei geht es dabei auch immer um die Frage: Was ist das Hanseatische und welche Bedeutung und Funktion kommt dem Hanseatischen im öffentlichen Leben der Stadt Hamburg zu?

Information zum Buch von Markus Tiedemann:
"Gute Hanseaten – Sozialdemokraten". Das Hanseatische in Politik, Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung

Donnerstag, 16.11.2017, 18.30 Uhr
Katja Kosubek (Werther): "Konsequent sozialistisch und national!" Die Alten Kämpferinnen der NSDAP vor 1933
Moderation: Joachim Szodrzynski

Im Sommer 1934 verfassten Nationalsozialistinnen der ersten Stunde ihre Lebensgeschichten. Der Anlass war ein Aufsatzwettbewerb unter der Fragestellung „Warum ich vor 1933 der NSDAP beigetreten bin“. Von insgesamt 600 Zuschriften stammten knapp 40 aus der Feder von Frauen. Die Verfasserinnen waren keine Prominenten, sondern unauffällige Frauen: Mütter, Krankenschwestern, Schreibkräfte. Erstaunlich unbefangen und mit großer Erzählfreude berichten diese „Altern Kämpferinnen“ aus ihrem Leben — mit der „Entdeckung“ Hitlers als Glanz- und Wendepunkt in ihrem politischen Leben. Die autobiografischen Essays wurden nun erstmals von Katja Kosubek vollständig veröffentlicht, wodurch sie einen neuen, unmittelbaren Zugang zur politisierten Zeitatmosphäre der späten 1920er Jahre und dem allmählichen Aufstieg der NSDAP eröffnet. Katja Kosubek stellt die Quellenedition vor und erläutert in ihrem Vortrag, wie Frauen den Aufstieg Hitlers unterstützten und aus welchen Gründen sie sich der NS-Bewegung anschlossen.

Information zum Buch von Katja Kosubek:

"genauso konsequent sozialistisch wie national". Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933

Donnerstag,11.1.2018, 18.30 Uhr
Marc-Simon Lengowski (Hamburg): Herrenlos und heiß begehrt. Der Umgang mit dem ehemaligen NS- und Reichsvermögen in Hamburg
Moderation: Kirsten Heinsohn

Was passierte eigentlich 1945 mit den riesigen Vermögensmengen, die die NS-Organisationen angehäuft hatten? Es überrascht, dass dieser Frage bis jetzt niemand nachgegangen ist, zumal das öffentliche Interesse an vergleichbaren Komplexen, wie den „Arisierungen“ oder der Entnazifizierung, unvermindert anhält. Das originäre, mutmaßlich nicht direkt geraubte Vermögen der NSDAP und ihrer Gliederungen wurde dagegen lange genauso ignoriert wie das des Deutschen Reiches. Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, an wen die beachtlichen Werte übertragen wurden, und es geschah auch nicht zufällig. Um diese Vermögen setzte nach der Kapitulation ein heftiges Ringen ein, in dem verschiedene Akteure versuchten, sich ihren Anteil zu sichern. Zu den besonders aktiven Akteuren gehörten die Bundesländer, die Bundesregierung, die neu gegründeten Gewerkschaften und private Vereine. Marc-Simon Lengowski hat diesen Prozess erstmalig am Beispiel Hamburg untersucht. Dabei beleuchtet er die Verteilungsprozesse und beantwortet die Frage, wer am meisten von diesem schwierigen Erbe profitieren konnte. Die Verteilung des NS- und Reichsvermögens wird als wichtiger Teil der Transformation des NS-Regimes in die föderale Ordnung der Bundesrepublik Deutschland erkennbar, die unsere Gesellschaft bis heute prägt.

Das Buch "Herrenlos und heiß begehrt." Der Umgang mit dem Vermögen der NSDAP und des Deutschen Reiches
in Hamburg nach 1945 von Marc-Simon Lengowski erscheint im Oktober 2017. Vorabinformationen dazu hier.

 

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